Kindgerechte Inhalte

Kinder in einem Museum, das sich um Krieg, Tod und Verletzung dreht, sind ein schwieriges Thema. Obwohl das Thema nicht für Kinder geeignet scheint, besuchen gelegentlich Kindergruppen das Panzermuseum. Das DPM hat daher Maßnahmen ergriffen, um den Besuch von Kindern im Museum pädagogisch abzufedern. Es handelt sich hierbei um Maßnahmen für einzelne oder wenige Kinder, die in Begleitung von Verwandten kommen (”Kinderarbeitsblätter”) und um ein Konzept für ganze Gruppen von Kindern, die bspw. mit Erzieherinnen und Erziehern das Museum besuchen und geführt werden möchten (”Richtlinien für Kindergruppen”).

I. Kinderarbeitsblätter

Das Museum wird von vielen Familien besucht, die Kinder mitbringen. Familien nehmen tendenziell eher nicht an Führungen teil, da sie den Ausflug bewusst als Familie erleben wollen, so dass das Museum bei der Vermittlung der Inhalte nicht regulierend eingreifen kann.  Für das Panzermuseum ergeben sich daher an dieser Stelle drei Aufgaben:

1) Wie kann das an sich sehr düstere  Grundthema der Gewalt zumindest ein wenig von den Kindern ferngehalten werden?

2) Wie können die Kinder spielerisch beschäftigt werden, damit ihnen der Besuch nicht langweilig wird?

3) Wie können die Kinder dennoch etwas bei ihrem Besuch lernen?

Das Mittel zur Lösung dieser dreifachen Aufgabe sind sogenannte Arbeitsblätter. Der Name ist etwas irreführend, weil es eigentlich eine angenehme, spielerisch-herausfordernde Aufgabe ist. Es handelt sich um ein halbes Dutzend Zettel, die an verschiedene Altersgruppen gerichtet sind und am Eingang der Halle 1 ausliegen. Während die ersten Zettel noch sehr an eine Schnitzeljagd erinnern und mehr dem Spiel und dem Zeitvertreib für die kleineren Kinder dienen, enthalten die Blätter für größere Kinder zunehmend Fragen, die eine Reflexionsebene haben (”Wie würdest du dich fühlen, wenn…”) und Fragen, die auf der Basis von existentem Wissen zum Spekulieren anregen und so einen Beitrag zur Selbstbildung leisten. Je nach Altersstufe und Suchlust können die Kinder eins oder mehrere der Arbeitsblätter mitnehmen. Schreibunterlage und Stift sind vorhanden.

Beispiel für ein Kinderarbeitsblatt (PDF)

Die Eltern können ihren Kindern bei den Aufgaben helfen oder auch nicht, ganz wie es beliebt. Fachwissen ist dazu nicht notwendig, da die Fragen bewusst so gehalten wurden, dass sie ohne ein solches zu lösen sind. Am Ende des Rundganges durch das Museum steht ein Ordner mit Musterantworten für die Fragen für diejenigen kleinen oder großen Besucherinnen und Besucher, die es genauer wissen möchten.  Aber egal wieviel auf einem Arbeitsblatt ausgefüllt wurde – jedes Kind bekommt bei Abgabe der Zettel eine kleine Belohnung für seine Bemühungen.

Die Erfahrungen mit den Arbeitsblättern sind uneingeschränkt positiv. Die Blätter werden in großer Zahl bearbeitet, pro Saison mehrere tausend Blatt. Die Beobachtung des Museumsalltages zeigen, dass die Arbeitsblätter auf viele Familien sehr anregend wirken – die Kinder und die Eltern lösen die Zettel oftmals geradezu gemeinsam, Gespräche entwickeln sich, die Kinder stellen Fragen – so tragen die Arbeitsblätter auch auf einem zweiten Weg zur Bildung der Kinder bei, nämlich als anregendes Element. Gleichzeitig werden die Hallen belebter und lauter, ein Effekt, den das DPM sehr begrüßt.

II. Richtlinien für Kindergruppen

Kindergruppen (bis ca. 14 Jahre) stellen an Museumsführer unzweifelhaft besondere Herausforderungen. Kinder sind nicht vorgebildet, haben eine stark begrenzte Aufmerksamkeitsspanne, sind leicht abzulenken, schwer zu kontrollieren und neigen dazu, Führungen geistig oder körperlich zu verlassen. Andererseits führen die fehlende Vorbildung und die Neugier von Kindern auch zu Fragen und Beiträgen, die den Museumsführer überraschen können – Selbstverständlichkeiten gibt es für Kinder nicht, und „dumme Fragen“ auch nicht.

Das bedeutet, dass eine Führung mit Kindern radikal anders ablaufen muss als eine Führung mit Erwachsenen. Die Erkenntnisse der Pädagogik müssen hier auf unser Führungswesen angewandt werden, was komplett neue Rahmenbedingungen schafft. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verpflichten sich daher, folgende Aspekte bei Kinderführungen umzusetzen:

KURZ:

Eine Führung mit Kindern darf im Regelfall nicht länger als eine halbe Stunde dauern, maximal jedoch 45 Minuten. Es hat einen Grund, dass Doppelstunden im Schulunterricht erst später eingeführt werden. Über einen längeren Zeitraum die Konzentration aufrechtzuerhalten ist nahezu unmöglich, auch weil Teile der Gruppe dazu neigen, sich ggf. abseits der Führung miteinander zu beschäftigen. „Herumalbern“ in der Gruppe ist ein sicheres Zeichen, dass die sinnvoll nutzbare Zeit dem Ende entgegengeht.

Es gibt hierzu jedoch keine Alternative. Kinder können in einem Museum schlicht und ergreifend nicht länger als 30-45min am Stück neue Informationen aufnehmen – das ist eine nicht zu durchbrechende entwicklungspsychologische Begrenzung. Es gilt also, lieber in 30-45min überhaupt etwas zu vermitteln, als durch den Versuch, den Kindern eine normale Führung aufzuzwängen, am Ende gar nichts vermittelt zu haben.

Daran anschließende Gruppenarbeiten, Gesprächsrunden und ähnliches können die Verweildauer aber erhöhen, wenn es sich um ältere Kinder handelt.

EINFACH:

Kein normales Kind unter zehn Jahren kennt Zahlen, Daten, Schlachten, Staaten oder Personen der Geschichte genau. Das kann es an dieser Stelle auch noch gar nicht, weil die Schulbildung nicht dahingehend konzipiert ist. Auch Kinder in der 5. und 6. Klasse beginnen gerade erst mit einem strukturierten Geschichtsunterricht. Gleiches gilt für technische Aspekte, soziale Mechanismen und, und, und. Bei Kindergruppen muss also auf Biegen und Brechen vereinfacht werden.

Wenn man bspw. den Ersten Weltkrieg zum Thema hat, muss man also zu Formulierungen greifen wie „Vor hundert Jahren führten in ganz Europa viele Staaten Krieg gegeneinander. Und weil die modernen Kanonen und Gewehre das Schlachtfeld so gefährlich machten, überlegten sich die Leute, wie man sich schützen konnte. Und deshalb bauten sie Metallplatten an Autos, so wie sich früher Ritter mit Rüstungen geschützt haben.“ Die letzte Formulierung führt zu einem weiteren wichtigen Punkt.

PERSÖNLICH:

Es müssen immer Ansatzpunkte gefunden werden, zu dem ein Kind inhaltlich bereits eine Beziehung aufbauen kann. Nur so ist ein Verständnis und damit auch ein Lernerfolg zu erzielen, da die reflektiert-rationale Verarbeitung von Lerninhalten sich noch in der Entwicklung befindet. Daher muss die Kinderführung stets um Ansatzpunkte bemüht sein, die das Kind versteht. Wenn man beispielsweise erklären will, warum Ketten verwendet werden, könnte man die Kinder daran erinnern, wie anstrengend es manchmal ist, durch das Gelände zu kraxeln – diese Erfahrung haben sie im Alltag. Oder wenn es darum geht, wie laut eine Kanone ist, stellt man einen Bezug zu Silvester oder Krankenwagensirenen her. Dies führt zum nächsten Punkt, der Frage nach didaktischen Aspekten.

NETT:

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, sie sind Kinder. Sie müssen dementsprechend auch anders angesprochen werden. Das bedeutet, dass bei Kindern ein Frontalunterricht im geschäftsmäßigen Ton fehl am Platze ist. Vielmehr müssen Kinder besonders freundlich und direkt angesprochen werden, damit sie bei der Stange bleiben. Das bedeutet erstens schlicht und ergreifend, dass Tonfall und Stimmmodulation bei Kindergruppen angepasst werden müssen und man einen freundlicheren Tonfall anschlägt – es besteht natürlich jedoch kein Bedarf, ins Gegenteil durchzuschlagen und einen übertrieben bemutternden Tonfall anzuschlagen.

Zweitens bedeutet es auch, dass Kinder wahrgenommen werden wollen. Dies gelingt am besten über Rückfragen an die Gruppe. Dies können natürlich ob der oben genannten Gründe keine historischen Wissensfragen sein. Es müssen vielmehr einfache allgemeine Fragen sein, die entweder dem Wissenstand von Kindern gerecht werden, oder die über Spekulieren und Rumraten erschlossen werden können. Die übliche Einleitung solcher Fragen wäre ein „Könnt ihr euch vielleicht vorstellen, warum…“, um dann die wilden Spekulationen zu einem Thema so zu leiten, dass man am Ziel ankommt. Man kann das Ganze auch durch Beobachtung einleiten. Bei den Jagdpanzern wäre die Frage bspw. „Was fällt euch bei diesen Panzern auf?“ Irgendwann, und sei es durch Hilfe, wird das Fehlen des Turmes erkannt werden, und dann folgt die Frage „Könnt ihr euch vielleicht vorstellen, warum das so ist?“ So bleiben die Kinder durch Integration in die Führung interessiert und geistig bei der Stange; häufig entwickeln sie sogar einen richtigen Enthusiasmus, um die Fragen zu beantworten. Wichtig ist hierbei aber, den Kindern klarzumachen, dass es sich nicht um eine Prüfungssituation handelt, wie sie sie vielleicht aus der Schule kennen und fürchten, sondern um einen Spaß. Erfolgserlebnisse sind dabei sehr wichtig und befördern oft die Dynamik in der und Beteiligung aus der Gruppe.

Wenn Kinder eine Frage richtig beantworten oder erraten, verdienen sie Lob; wenn sie eine falsche Antwort geben, dürfen sie nicht abgekanzelt werden. Vielmehr gilt es hier ein aufmunterndes Wort einfließen zu lassen, etwa in der Art von „Gut gedacht, aber leider nicht die richtige Antwort.“ Ansonsten verstummen die Kinder, die falsche Überlegungen anstellen, früher oder später. Kurz: Kinder machen keine „Fehler“, sie haben nur nicht ganz in die Richtung gedacht, die bei Erwachsenen zu erwarten gewesen wäre.

BESONDERS:

Ein wirkungsvolles Mittel, den Spaß bei der Führung aufrechtzuerhalten, ist die Exponate nach dem Zirkusprinzip auszuwählen: Spektakulär und bunt zieht bei Kindern. In diesem Sinne kann bei Kindern (ganz im Gegensatz zu erwachsenen) ruhig in die grelle Farbpalette gegriffen werden: Der A7V ist dann der „allerälteste“ Panzer, der Goliath der „allerkleinste“, der Königstiger der „allergrößte“, der T-72 der „allerflachste“ und so weiter und so fort. Stören Sie sich dabei nicht an Vergröberungen, die bei Erwachsenen vollkommen unzulässig wären. Kinder lernen noch in gröberen Strukturen und starke Kontraste sind hierbei hilfreich – das macht einen sensationalistischen Tonfall zum legitimen pädagogischen Mittel. Gleichzeitig bietet dieser Ansatz ein handfestes Kriterium bei der Frage, welche Exponate überhaupt besprochen werden. Auch vor Tiervergleichen (A7V = groß, dick, grau = Elefant) und ähnlichen Mitteln braucht man nicht zurückzuschrecken.

FRIEDLICH:

Kinder gehören eigentlich nicht ins Panzermuseum. Aber wenn sie nun mal da sind, müssen die Inhalte unblutig formuliert werden. Vermeiden Sie Bezugnahmen auf Schlachten, Töten, Verwunden, Verstümmeln und ähnliches. Bleiben Sie im Ungefähren, wenn es um Krieg an sich geht. Konzentrieren sie sich auf technische Aspekte, die Kinder begeistern können – und lenken Sie sie so vom eigentlichen Verwendungszeck der Fahrzeuge ab. Sollte das Thema doch einmal unvermeidbar sein, behandeln Sie es unverbindlich – lenken Sie schnell das Thema um und zurück auf den richtigen Pfad. Dieser Punkt gilt besonders für kleinere Kinder, ab 12 Jahren kann das Thema bereits angefasst werden, solange Wortwahl und Fokussierung einigermaßen sensibel und dezent bleiben.

VERANTWORTUNGSVOLL:

Es gilt hier also, einen sehr schmalen Grat zu bewältigen. Einerseits wird die Führung sensationalistisch und bunt aufgezogen, andererseits werden Aspekte wie Töten und Krieg gezielt ausgespart. Das führt dazu, dass dem DPM der Vorwurf gemacht werden kann, dass wir bei Kindern eine Begeisterung für Militärgerät auslösen wollen. Hierzu ist zweierlei zu bemerken. Erstens gilt es, bei aller Fröhlichkeit in der Führung den Ernst des eigentlichen Themas nicht aus den Augen zu verlieren, und daher der Ausgelassenheit Grenzen zu setzen und gelegentlich, so dies sinnvoll erscheint, auch an eben diesen Ernst des Themas zu erinnern – aber natürlich, eingedenk des vorigen Punktes, auf eine sensible Art und Weise. Wenn betont werden soll, dass Panzer und Krieg eine schlimme Erfahrung darstellen, dann muss nicht das Überrollen von Menschen als Beispiel herhalten, sondern es reicht, daran zu erinnern, dass so ein Panzer ein Wohnhaus einreißen kann und dann das Kinderzimmer kaputt ist.

Zweitens müssen die grundlegenden Leitlinien dieses Konzeptes verinnerlicht sein. Wird dann der Vorwurf erhoben, dass eine Führung durch Kritiklosigkeit kriegsverherrlichend wirke, kann differenziert argumentiert werden, dass wir ganz im Gegenteil bewusst und aus pädagogischen Gründen zum Schutze der Kinder das Thema aussparen. Grundsätzlich kann aber angesichts der medialen Präsenz militärischer Gewalt auch bei Kindern davon ausgegangen werden, dass sie sich der Schrecklichkeit von Krieg – wenn auch diffus – sehr bewusst sind.

VAGE:

Kinder nehmen aus unserem Museum keinen abprüfbaren Wissenszuwachs mit, wie das Erwachsene (hoffentlich) tun. Vielmehr speichern sie einen Großteil des Wissens unbewusst und vernetzen die Inhalte im Laufe ihrer weiteren Entwicklung. Man darf also nicht enttäuscht sein, wenn am Ende der Führung vieles scheinbar schon wieder vergessen ist – dieser Eindruck täuscht. Erst viel später werden die Kinder das hier aufgenommene Wissen plötzlich an anderer Stelle anwenden.